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Cornelius Hasselblatt. Das Jahr 1905 im estnischen Roman |
2007, nr. 11 |
Der Aufsatz, von dem eine frühere und
kürzere Variante auf deutsch erschienen ist ("1905 im
estnischen Roman", in: Norbert Angermann et al [Hg.]: Ostseeprovinzen,
Baltische Staaten und das Nationale. Münster, 2005, S. 321–342)
behandelt acht estnische Romane, in denen die Ereignisse der Revolution
von 1905 mehr oder weniger zentral stehen. Es wird die Frage gestellt,
welchen Schwerpunkt die Autoren bei der Behandlung des Themas
wählten: Liegt die Betonung auf dem a) Sozialökonomischen,
b) dem Nationalpolitischen oder c) dem freiheitlichen,
antitotalitären
Aspekt. Die Untersuchung ergibt, dass alle Romane in gewisser
Weise die Zeit ihrer Entstehung widerspiegeln und darüber
mehr aussagen als über die dargestellte Zeit, d.h. das Jahr
1905.
Bei Tammsaare (Tõde ja õigus III, 1931, dt.
unter dem Titel "Wenn der Sturm schweigt", 1983), dessen
Roman in zensurfreier Zeit entstanden ist, steht die Freiheit
im Vordergrund. In der Neuarbeitung seines Romans (1936) hat teilweise
eine Polarisierung stattgefunden, was unter Umständen der
autoritären Regierung von Konstantin Päts geschuldet
ist. Dies wird ganz besonders deutlich in Kärners Roman (Tõusev
rahvas, 1936–1937, "Das sich erhebende Volk"),
der passagenweise ein panegyrisches Machwerk zum Lobe von Päts
ist. Bei Kangro, dessen Roman im Exil entstanden ist (Kuma
taevarannal, 1950, "Schimmer am Himmelsrand"), überwiegt
die Betonung der Eigenstaatlichkeit und der Freiheit. Hints Roman
(Tuuline rand I, 1951, "Die windige Küste")
war unter strenger Stalinscher Zensur entstanden, weswegen der
Autor den Schwerpunkt entsprechend den Erfordernissen der Zeit
auf das Sozialökonomische legte, was zu einem gut lesbaren
Geschichtspanorama führte. Die überarbeitete Version
des Romans (1952) ist dagegen ein missglücktes Stück
Propagandaliteratur. Krustens Roman (Noorte südamed,
1954–1956, "Die Herzen der jungen Leute") ist
Hints vergleichbar ebenfalls ein Geschichtspanorama, dem die
Stalinschen
Spuren von Hints Neuauflage fehlen. Rubens Roman (Volta annab
kaeblikku vilet, 2001, "Volta heult kläglich")
erweist sich als postmodernes Spiel, in dem ein völlig neuer
Aspekt hinzukommt: die Liebe als treibende Kraft stellt alle
vermeintlich
hehren Revolutionsziele in den Schatten.
Keywords: estnischer Roman, Revolution
von 1905, Literaturgeschichte, Anton H. Tammsaare, Jaan Kärner,
Aadu Hint, Bernard Kangro, Erni Krusten, Aarne Ruben.
Cornelius Hasselblatt (geb. 1960), PhD,
Rijksuniversiteit
Groningen, Professor für finnougrische Sprachen und Kulturen
c.t.hasselblatt[at]rug.nl
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